„Ich erlebe immer wieder Alltagsrassismus“ – Sportlerin wird bei Podiumsdiskussion über ihre Erfahrungen sprechen
Mittlerweile kann Fehintola Oladejo darüber schmunzeln, weil sie diese Situation schon mehrfach erlebt hat. „Die Leute sind überrascht, wie gut ich mich auf Deutsch ausdrücken kann, obwohl ich nicht in Deutschland geboren bin“, sagt die 22-jährige Mannheimerin in astreinem Hochdeutsch. Dann erzählt die dunkelhäutige junge Frau noch eine andere Episode: „Ich werde wegen meiner Hautfarbe oft auf Englisch angesprochen.“ Nach all diesen Erfahrungen lautet ihr Fazit: „Deutschland ist gesellschaftlich nicht vorangekommen, hat im Alltag ein kleines Rassismusproblem.“
Sport als geschützter Raum
Eine kleine Insel hat Fehintola Oladejo allerdings ausgemacht. „Der Sport kann helfen“, berichtet sie, „in der Leichtathletik habe ich noch nie negative Erfahrungen gemacht.“ Bei der MTG Mannheim, bei der sie seit ihrem achten Lebensjahr trainiert und für die sie als Dreispringerin an den Start geht, fühle sie sich in einem geschützten Umfeld. Und nicht nur sportlich extrem gut betreut.
Integration durch Bewegung? Die gesellschaftliche Rolle des Sports
Immer wieder wird von Sportfunktionären die besondere, verbindende Wirkung des Sports ins Feld geführt, wenn es um die Integration von Migranten geht. Sport bringe Menschen zusammen; Sport fördere Toleranz und Respekt; Sport vermittele Werte wie Fairness, Disziplin, Offenheit, Zusammenhalt und Verantwortung. Chancengleichheit im Sport und in der Gesellschaft würden entstehen, wenn alle mitmachen dürften: Unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht oder möglichen Beeinträchtigungen.
Podiumsdiskussion in Bensheim: Stimmen gegen Rassismus und Diskriminierung
Ob dem wirklich so ist, soll bei einer Podiumsdiskussion am 24. November (18 Uhr) im Parktheater in Bensheim geklärt werden. Unter dem Titel „Sport und Vielfalt – Stark durch Zusammenhalt. Gegen Rassismus und Diskriminierung“ sitzen neben Oladejo noch Edgar Itt (Gelnhausen), Gewinner der Bronzemedaille mit der 4x400-Meter-Staffel in Seoul 1988 und Experte für Führung, Motivation und Teamarbeit; David Huber, Vize-Europameister und Bundesligaspieler im Powerchair-Hockey (Elektrorollstuhl-Hockey) aus Worms; Rachel Esinam Etse, rassismuskritische Trainerin und Ethnologin sowie Christian Roth, Abteilungsleiter Basketball beim VfL Bensheim und Sportlehrer am AKG Bensheim.
Von Lagos nach Mannheim: Eine Kindheit zwischen zwei Welten
Fehintola Oladejo wurde 2003 in Lagos, der Hauptstadt von Nigeria, geboren. Ihr Vater hatte in Deutschland studiert und gearbeitet. Nach mehreren Stationen war er in Mannheim hängengeblieben. Als dreijähriges Kind hatte sie dann ihren Vater besucht. Was zunächst als kurzer Aufenthalt geplant war, wurde zur Dauerlösung, denn ein halbes Jahr später kam auch ihre Mutter nach Mannheim. Dort kamen auch ihre drei Geschwister zur Welt.
Rassistische Erfahrungen – und der Umgang damit
Wie Weitsprung-Olympiasiegerin Malaika Mihambo, die als Kind und Jugendliche ebenfalls rassistische Anfeindungen erfahren hatte, kann auch Oladejo von vielen derartigen Erlebnissen berichten. „Jedes Kind mit Migrationshintergrund macht diese Erfahrungen“, konstatiert sie, „meist empfindet man dies aber erst im Nachhinein als solche.“ In ihren ersten Monaten im Kindergarten hat ihr aber auch geholfen, dass sie kaum etwas verstanden hat. „Anfangs habe ich nur Englisch gesprochen.“ Später habe ihr ihre extrovertierte Art geholfen, weil sie das Thema offensiv angegangen ist.
Elterliche Unterstützung als wichtiger Anker
Im Rückblick sagt sie aber auch Danke an ihre Eltern. „Sie haben einen guten Job gemacht, mich auf Kommentare vorbereitet und in allen Situationen unterstützt.“ Der Hinweis, abfälliger Kommentare nicht zu nah an sich ranzulassen, war anfangs schwer umzusetzen, doch irgendwann hat es geholfen.
Schule als Hürde: Fehlende Förderung und Neustart
Schwierig wurde es allerdings nach dem Wechsel aufs Gymnasium. Plötzlich hatte sie den Eindruck, dass sich die Lehrer um Kinder mit Migrationshintergrund nicht so intensiv gekümmert haben als um die ohne. Die Folge: „Meine Noten wurden immer schlechter.“ Nach einem Gespräch mit der Schulleitung folgte ein Wechsel auf die Realschule. Bei der Mittleren Reife erreichte sie eine 1,3, danach folgte ein Einser-Abitur. Mittlerweile studiert sie an der Universität Mannheim im dritten Semester Englisch und Philosophie. Später möchte sie an einem Gymnasium unterrichten.
Zwischen Hörsaal und Weitsprunggrube: Ihre Ziele im Sport
Parallel dazu möchte Fehintola Oladejo aber auch noch im Sport Erfolge erzielen. Bei 13,15 Metern steht momentan ihre Bestmarke. Gebremst wurde sie immer wieder von Verletzungen. Doch die Dreispringerin glaubt an ihre Fähigkeiten: „Ich möchte unbedingt bei internationalen Meisterschaften für Deutschland starten.“ Doch auch wenn sie dieses Ziel nicht erreichen sollte, fühlt sie sich in Deutschland integriert.
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Integration durch Sport – Förderprogramm für engagierte Vereine
Mit dem Programm Integration durch Sport unterstützt und fördert der DOSB und der LSV Baden-Württemberg mit den drei Sportbünden im Land konkret Vereine sowie Fachverbände, die konkrete Maßnahmen zur Integration durch Sport umsetzen. Für alle Mitgliedsvereine des organisierten Sports in Baden-Württemberg gibt es auch zahlreiche Bildungsangebote im interkulturelle Bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen. Alle Informationen unter Integration durch Sport (IdS) - Landessportverband Baden-Württemberg e.V.
Grundschule trifft Kinderleichtathletik – Erfolgsprojekt mit integrativem Ansatz
Mit seinen rund 35 Aktionstagen pro Jahr bewegen der Badische und Württembergische Leichtathletik-Verband jährlich rund 8.000 Kinder im ganzen Land. Das besondere dabei: Alle Kinder werden gleichermaßen – unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund erreicht. In die Bewegungsstationen sind dabei gezielt integrative Methoden eingearbeitet, um neben der Förderung motorischer Fähigkeiten auch die Kooperation, Fairness und das Miteinander in der Klasse zu fördern. Die Aktionstage werden dabei immer in enger Zusammenarbeit mit dem örtlichen Leichtathletik-Verein durchgeführt, sodass der Übergang in den organisierten Sport auch für Kinder mit Migrationshintergrund vereinfacht wird. Dieser Ansatz überzeugt: Seit 2024 wird das Projekt daher durch das Programm Integration durch Sport gefördert!
Grundschule trifft Kinderleichtathletik bei dir vor Ort? Die Anmeldung für die Saison 2026 ist geöffnet!