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Montag 04. April 2016  ::  11:39
ARGE BWBLV

Carl Dohmann geht nach Rio

-- Kolumne im Badischen Tagblatt (BT) --

Teil 6

Wer sich an meinen letzten Bericht erinnert, weiß vielleicht noch, dass ich diesen Monat vom Trainingslager in Südafrika erzählen wollte. Aus aktuellem Anlass wird dies sehr kurz ausfallen und ich werde mich vorrangig einem anderen Thema widmen. Doch soviel zu Südafrika: Wir haben intensiv trainieren können. Die Hitze machte uns das Leben nicht immer leicht, doch wir hatten erstklassige Regenerationsmöglichkeiten vor Ort: Ein Wärme- und ein Kältebecken (teilweise mit einer Wassertemperatur von vier Grad!) konnten wir nach dem Training nutzen, außerdem hatten wir einen Physiotherapeuten mit dabei. Unsere Erfahrungen mit exotischen Tieren konnten wir zudem um Straußen erweitern. Nach allem bin ich froh, dass ich mich nach den vielen (durchaus tollen) Afrika-Aufenthalten jetzt doch mal wieder einige Monate in der Heimat aufhalten werde.

Ich kann mich noch gut an die Leichtathletik-WM 2009 in Berlin erinnern. Ich war als Zuschauer am Brandenburger Tor, wo die Geh-Wettbewerbe ausgetragen wurden. Beeindruckt war ich, mit welcher physischen und mentalen Stärke drei Russen dieser Weltmeisterschaft ihren Stempel aufdrückten: Valeriy Borchin gewann die 20 Kilometer nach einer Temposteigerung auf den letzten fünf Kilometern. Seine Landsfrau Olga Kaniskina triumphierte auf derselben Strecke sogar noch deutlich souveräner, und auf den 50 Kilometern – Sergej Kirdyapkin schien schon geschlagen – kämpfte dieser sich wieder nach vorne und gewann letztlich mit deutlichem Vorsprung. Drei beeindruckende russische Sportler in drei sehr verschiedenen Wettkämpfen, drei Weltmeister.
Jetzt sind sie es plötzlich nicht mehr. Der Internationale Sportgerichtshof CAS entschied vor kurzem in Lausanne, dass allen Dreien der WM-Titel von 2009 aberkannt wird, wegen Dopings. Eine Neuvergabe der Medaillen hat noch nicht stattgefunden, scheint aber nur noch Formsache zu sein. Damit nicht genug: Bis Ende 2012 werden Resultate gestrichen, nicht nur von den drei Berlin-Weltmeistern, sondern auch von den Russen Bakulin und Kanaikin. Das wirbelt einiges durcheinander – der Australier Jared Tallent ist auf einmal Olympiasieger über 50 Kilometer, es gibt mehrere neue Welt- und Europameister. Mit Melanie Seeger bei der EM 2010 und Christopher Linke beim Weltcup 2012 haben wir nun zwei deutsche Medaillengewinner. Die neuen Weltmeister von Berlin: Ein Chinese, eine Irin, ein Norweger – alle drei damals deutlich geschlagen. Die russischen Dopingfälle sind keine Neuheit: Sie sind seit Jahren bekannt, es hat aber lange gedauert, bis Konsequenzen gezogen wurden. Der Trainer der russischen Geher, Viktor Chegin, wurde jetzt lebenslang gesperrt. Der Ausschluss der russischen Leichtathleten von Wettkämpfen hält noch an – es ist unklar, ob sie in Rio starten dürfen.

Ich sehe die Entscheidung des CAS mit gemischten Gefühlen: Natürlich ist es richtig, dass den gedopten Athleten ihre Titel aberkannt wurden – eine Schande, dass es so lange gedauert hat. Auf der anderen Seite finde ich die Vorstellung bedrückend, dass Ergebnislisten Jahre später noch geändert werden müssen. Was gewesen wäre, wenn die Russen nicht gedopt hätten – wir werden es nicht erfahren. Vielleicht hätten sie trotzdem gewonnen. Vielleicht wären sie leer ausgegangen, und die wahren Sieger haben jetzt endlich ihre Titel. Vielleicht hätten die Wettkämpfe aber auch einen völlig anderen Verlauf genommen. Irgendwie bin ich froh, dass mich das alles nicht direkt betrifft. Meine Zeit als internationaler Meisterschaftsstarter hat erst 2014 angefangen. Ob ich in Rio auf russische Leichtathleten treffen werde – offen. Egal, wie die Entscheidung ausfällt, so oder so wäre es irgendwie eine Niederlage für den Sport. Aber meine Olympia-Vorbereitung wird das nicht beeinflussen: Denn egal, ob Russen dabei sein werden, das Niveau im Gehen wird in Rio enorm hoch sein. Das haben jüngste Wettkämpfe mal wieder gezeigt. Es scheint kaum noch einen Flecken auf der Welt zu geben, an dem es keine guten Geher gibt.
Und deshalb arbeite ich konzentriert weiter an meinem Weg nach Brasilien. Nächste Woche werde ich mich dann endlich mal im Wettkampf-Dress zeigen: Bei der Badischen Meisterschaft über 20 Kilometer, die am 9. April in Biberach an der Kinzig stattfinden wird. Ein guter Test, den ich aus dem vollen Training bestreiten werde. Der erste Saisonhöhepunkt steigt dann am 7. Mai beim Weltcup mit integrierter Team-WM in Rom. Ich melde mich kurz davor das nächste Mal.

Bis dahin!


 
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